Mehr Promo als Musik?

Früher war das mit der Musik ganz simpel: Es gab ein oder zwei klassische Musikvideos, die im Fernsehen gezeigt wurden, und irgendwann erschien dann die Schallplatte/CD im Laden.

Heutzutage hat sich der ganze Komplex „Album“ zu einer riesigen, durchgeplanten Industrie entwickelt. Habt Ihr Euch schonmal gefragt, warum jeder Künstler/jede Band eine Box-Version seines/ihres Albums anbietet, von Cro über Linkin Park bis hin zu Helene Fischer? Das Ganze hat nur ein Ziel: eine gute Chartposition zu erreichen. Denn eine Chartposition wird nicht, wie oft fälschlicherweise angenommen, durch die bloße Anzahl an verkauften CDs bestimmt, sondern durch den größtmöglichen Umsatz. Somit ist wiederum klar, dass eine 40€-Box viel mehr zu der Position beiträgt, als eine Standard-15,99€-CD. Außerdem ist anzumerken, dass ein Künstler am wenigsten an einer Box verdient, da er selbst fast genauso viel in eine Box investiert.

Die eigentliche „Promophase“ für ein Album dauert mittlerweile gut und gerne mal ein halbes Jahr. Nehmen wir als Beispiel Künstler X. Künstler X schreibt am 1.1.2016 auf all seinen Social Media Plattformen, dass bald sein neues Album erscheinen wird. Eine Woche später verrät X , dass dieses Album am 7.7.2016 offiziell erscheinen wird, natürlich mit einer Aufforderung an die Fans, sie sollten bitte jetzt mit den Vorbestellungen (der Box) anfangen. Nun kommt die ganze Promophase in Schwung, im Laufe der nächsten Woche wird die erste Single-Auskopplung in Form eines Musikvideos veröffentlicht, wobei die Produktionskosten eines solchen Videos bei einem durchschnittlichen Künster (in Deutschland) gerne auch mal bei 25.000€ liegen können. Andere Singles wiederum werden im Radio „angeteast“ oder exklusiv dort einmal am Tag gespielt, eine andere Single wiederum ist exklusiv bei iTunes zum Kauf erhältlich. Zusätzlich wird natürlich jeden Tag auf den Social Media Plattformen mindestens einmal der Vorbestellungslink der CD gepostet. Sobald das neue Musikvideo erschienen ist, wird direkt angekündigt, dass in 3 Wochen die nächste Single-Auskopplung in Form eines Musikvideos erscheinen wird. Gerne werden auch zehnminütige Vlogs auf YouTube veröffentlicht, natürlich nur mit Vorbestellungslink in der Beschreibung. Nachdem nun das halbe Album im Vorfeld schon über tausend Wege und Singles bekannt ist, ist es endlich soweit, und nach einem halben Jahr steht die CD im Laden. Freitag ist in Deutschland der offizielle Release-Tag, und ab genau diesem Freitag erreicht die Promophase bis Donnerstag ihren Höhepunkt, jeden Tag wird eifrig gepostet und geworben.

Es freut mich, wenn ein Künstler es durch diese Möglichkeiten schafft, mehr Erfolg zu haben und ein größeres Publikum zu erreichen, aber die Frage ist doch: Steht mittlerweile noch die Musik im Vordergrund oder nur das Album als Produkt? Es wirkt nach außen hin so, als würde mehr Zeit und Arbeit in die Promophase als in die Musik selber gesteckt, und das darf bei einer Kunstform niemals der Fall sein.

Von |26.04.2016, 13:22|3 Kommentare

Verfasst von

Clemens Gardemann
Praktikant mit Leidenschaft, arbeitet 48,1 Stunden die Woche für ein wundervolles Musikmagazin

3 Kommentare

  1. Simon 2016/04/26 um 13:51 Uhr- Antworten

    Gute Frage und guter Artikel. Gerne mehr solcher kritischen Beiträge zu einer Kunstform die mehr und mehr im Griff des Konsumzwangs und des Kapitalismus ist.

  2. Siegfried 2016/04/26 um 19:42 Uhr- Antworten

    richtig gut gemacht Cle 🙂 die slash striche bitte soweit wie möglich vermeiden, stockt beim lesen am anfang

  3. Dr. M. Hübner 2017/12/04 um 12:37 Uhr- Antworten

    Wow! Ein starkes Stück Journalismus das uns C.G. da liefert. Ein Journalist der hinter die Kulissen blickt und nicht aufhört wenn es ungemütlich wird! Klasse! Vielleicht nicht der Held nach dem Münster gefragt hat, aber der Held den es verdient hat.
    Weiter so!